Gewöhnlicher Aufenthalt und 183-Tage-Regelung – Die häufigsten Fragen & Antworten 2020

1. Warum ist mein gewöhnlicher Aufenthalt so wichtig, um keine Steuern mehr in Deutschland zu zahlen?

Damit du in Deutschland keine Steuern mehr zahlen musst, musst du deine unbeschränkte Steuerpflicht nach § 1 (1) (=Absatz 1) Einkommensteuergesetz („EStG“) beenden. Die unbeschränkte Steuerpflicht knüpft sich zum einen an den Wohnsitz und zum anderen an den gewöhnlichen Aufenthalt.

Die Aufgabe des Wohnsitzes nach § 8 Abgabenordnung („AO“) kann noch relativ klar erfolgen. Die Beendigung bzw. den exakten Zeitpunkt der Beendigung des gewöhnlichen Aufenthaltes bei deiner Auswanderung ist aber wesentlich schwerer zu bestimmen. Das liegt vor allem daran, dass der Gesetzgeber (mal wieder) keine eindeutige Definition geschaffen hat. Damit kann die Beendigung des gewöhnlichen Aufenthaltes in vielen Fällen nur an den individuellen Details bestimmt werden.

Dabei will ich dir helfen und die notwendigen Kriterien an die Hand geben: Damit du deine unbeschränkte Steuerpflicht rechtssicher beenden kannst und nach deiner Auswanderung keine überflüssigen Steuern in Deutschland zahlen musst.

In diesem Blogartikel zeige dir, warum der gewöhnliche Aufenthalt bzw. die 183-Tage-Regelung bei deiner Auswanderung der wichtigste Schritt für die Beendigung deiner unbeschränkten Steuerpflicht ist. Ich erkläre dir, wie genau die 183-Tage-Regelung und ab wann du wieder einen gewöhnlichen Aufenthalt in Deutschland hast. Außerdem habe ich zusammengefasst, wie du mit der 183-Tage-Regelung steuerfrei leben kannst und auf was du dabei besonders achten musst.

Inhalt

2. Definition: Was bedeutet gewöhnlicher Aufenthalt im Steuerrecht?

Der gewöhnliche Aufenthalt ist in § 9 AO wie folgt definiert:

„Den gewöhnlichen Aufenthalt hat jemand dort, wo er sich unter Umständen aufhält, die erkennen lassen, dass er an diesem Ort oder in diesem Gebiet nicht nur vorübergehend verweilt.“

Der wichtigste Teil der Definition ist dabei „nicht nur vorübergehend“.

Erst im zweiten Satz wird auf die 183-Tage-Regelung Bezug genommen:

„Als gewöhnlicher Aufenthalt im Geltungsbereich dieses Gesetzes ist stets und von Beginn an ein zeitlich zusammenhängender Aufenthalt von mehr als sechs Monaten Dauer anzusehen; kurzfristige Unterbrechungen bleiben unberücksichtigt.“

Der Gesetzgeber spricht hier zwar von 6 Monaten (sogenannte „6-Monats-Frist“). Letztlich geht es dabei aber um eine Dauer von mehr als einem halben Jahr, also regelmäßig ab 183 Tagen.

Im dritten Satz gibt es dann noch eine Erleichterungsregelungen, wenn der Aufenthalt in Deutschland nicht zu Erwerbszwecken erfolgt:

„Satz 2 gilt nicht, wenn der Aufenthalt ausschließlich zu Besuchs-, Erholungs-, Kur- oder ähnlichen privaten Zwecken genommen wird und nicht länger als ein Jahr dauert.“

Manchmal ist online auch vom „gewöhnlichen Aufenthaltsort“ die Rede. Die exakte gesetzliche Definition ist aber gewöhnlicher Aufenthalt und nicht gewöhnlicher Aufenthaltsort. Daher werde ich in diesem Artikel nur vom gewöhnlichen Aufenthalt sprechen. Die Bedeutung ist grundsätzlich identisch.

Aus der Definition lassen sich die folgenden Kriterien ableiten, die wir uns genauer anschauen müssen:

  • Was bedeutet „nicht nur vorübergehend“?
  • Was ist die 183-Tage-Regelung und wie wird diese berechnet?
  • Was passiert, wenn ein gewöhnlicher Aufenthalt erst später festgestellt wird?
  • Wie erfolgt die Abgrenzung zu Besuchs-, Erholungs-, Kur- oder ähnlichen privaten Zwecken und wann kann ich auch länger als 183 Tage in Deutschland sein, ohne steuerpflichtig zu werden?

2.1. Was bedeutet „nicht nur vorübergehend“ für den gewöhnlichen Aufenthalt?

Das ist für deine Auswanderung sicherlich der wichtigste Punkt, um die Steuerpflicht in Deutschland rechtssicher zu beenden.

Die Definition in der Abgabenordnung richtet sich grundsätzlich an den Beginn des gewöhnlichen Aufenthaltes und damit der Begründung einer Steuerpflicht in Deutschland. Dazu musst du dich also „nicht nur vorübergehend“ in Deutschland aufhalten. Wer sich „nicht nur vorübergehend“ in Deutschland aufhält, hält sich „gewöhnlich“ in Deutschland auf. In Randnummer 1 („Rn. 1“) zu § 9 im Anwendungserlass zur AO („AEAO“) findet sich dazu folgende Definition:            

„Der Begriff „gewöhnlich“ ist gleichbedeutend mit „dauernd“. „Dauernd“ erfordert keine ununterbrochene Anwesenheit, sondern ist im Sinne „nicht nur vorübergehend“ zu verstehen…“

Insgesamt bedeutet das also, dass du dich in Deutschland dauernd aufhältst. Oder das zumindest von Anfang zu Beginn so vorhast.

Aus „gewöhnlich“ lässt sich außerdem ableiten, dass der gewöhnliche Aufenthalt auch dann vorliegen könnte, wenn du in keinem anderen Land mehr Tage pro Jahr bist als in Deutschland. Daraus lässt sich dann nämlich üblicherweise der Lebensmittelpunkt in Deutschland ableiten.

Für die Beendigung deines gewöhnlichen Aufenthalts bedeutet das folglich, dass du aus Deutschland nicht nur vorübergehend auswandern musst. Das schauen wir uns im Abschnitt „Zu welchem Zeitpunkt ist mein gewöhnlicher Aufenthalt beendet, wenn ich auswandere?“ genau an.

2.2. Was ist die 183-Tage-Regelung und wie wird diese berechnet?

Die 183-Tage-Regelung leitet sich aus der gesetzlichen Definition „mehr als sechs Monaten Dauer“ ab.

In den meisten Fällen dürfte die genaue Berechnung der 183-Tage-Regelung bzw. der 6-Monats-Frist nicht ausschlaggebend sein. Wenn du aber insbesondere für die erste Zeit nach deiner Auswanderung bzw. aus geschäftlichen Gründen weiterhin häufiger in Deutschland sein willst (musst?), dann solltest du die Berechnung der 183-Tage-Regelung genau kennen.

Bei einem normalen Jahr mit 365 Tagen ist die Hälfte 182,5 Tage. Damit liegt bei einem Aufenthalt von 183 Tagen in Deutschland ein Aufenthalt von mehr als 6 Monaten und damit ein gewöhnlicher Aufenthalt vor.

Bei einem Schaltjahr mit 366 Tagen wäre das nicht exakt der Fall. Dann sollte bei exakt 183 Tagen in Deutschland im zweiten Schritt geprüft werden, ob die 6 Monate überschritten sind. Das dürfte regelmäßig der Fall sein, wenn in die 6 Monate der Februar fällt.

Für die Berechnung der 183-Tage-Regelung ist außerdem immer ein rollierendes Jahr und nicht das Kalenderjahr relevant. Das ist vor allem dann relevant, wenn du zum 31.12. deinen Wohnsitz aufgegeben hast, aber erst zum 03.01. aus Deutschland ausreist. Dann hast du bis zum 03.01. einen gewöhnlichen Aufenthalt und wirst noch für das ganze Jahr zur unbeschränkten Steuerpflicht veranlagt.

Schauen wir uns dazu zwei einfache Beispiele an.

Beispiel 1: Du wanderst zum 10.01.21 aus Deutschland aus. Deinen Wohnsitz hast du bereits zum 31.12.20 aufgegeben. Für die Tage bis zum 10.01.21 wohnst du bei Freunden. Wann endet dein gewöhnlicher Aufenthalt?

Beispiel 1: Auswanderung zum 10.01.21
Ausgangslage
Auswanderung aus Deutschland
Datum Ausreise
10.01.21
Tage in Deutschland nach der Ausreise in den nächsten 12 Monaten
14 - zwei kurze Besuche im Juni und Dezember 2021
Beendigung Wohnsitz
31.12.20
Beendigung gewöhnlicher Aufenthalt
10.01.21 - bei Betrachtung der letzten 12 Monate bis zum 10.01.21 entfallen über 183 Tage auf Deutschland
Rechtsfolge für die Steuerpflicht
Veranlagung zur unbeschränkten Steuerpflicht für das ganze Jahr 2021*

Beispiel 2: Du wanderst zum 31.12.20 aus Deutschland nach Zypern aus. Du bist im Jahr 2021 insgesamt 160 Tage in Deutschland. Wann endet dein gewöhnlicher Aufenthalt?

Beispiel 2: Auswanderung zum 31.12.20
Ausgangslage
Auswanderung aus Deutschland
Datum Ausreise
31.12.20
Tage in Deutschland nach der Ausreise in den nächsten 12 Monaten
160 - davon im ersten Halbjahr 120 Tage (jeweils 20 Tage pro Monat), letzte Ausreise im ersten Halbjahr am 30.06.21, ab dem 01.07.21 nur noch zweimal jeweils 20 Tage im September und Dezember 2021
Auswanderung nach Zypern
200 Tage in Zypern
Beendigung Wohnsitz
31.12.20
Beendigung gewöhnlicher Aufenthalt
Unklar, vermutlich zum 30.06.21: Bei Betrachtung der letzten 12 Monate bis zum 30.06.21 entfallen über 300 Tage auf Deutschland. Die Tage im Ausland könnten nur als vorübergehende Abwesenheit eingestuft werden. Ab dem 01.07.21 liegt zuverlässig die Beendigung des gewöhnlichen Aufenthaltes vor
Rechtsfolge für die Steuerpflicht
Veranlagung zur unbeschränkten Steuerpflicht für das ganze Jahr 2021*

*Wichtig dabei: eine Veranlagung zur unbeschränkten Steuerpflicht für das ganze Jahr 2021 bedeutet nicht, dass du alle Einkünfte voll in Deutschland besteuern musst. Nach der Auswanderung betrifft das nur noch die beschränkt steuerpflichtigen Einkünfte. Es gibt pro Kalenderjahr aber nur eine Veranlagung – entweder unbeschränkt oder beschränkt.

Das erkläre ich im Artikel noch genauer.

Ich empfehle dennoch immer, so wenig wie möglich in Deutschland zu sein. Es kann insbesondere aus privaten Gründen schnell zu einer ungewollten Überschreitung der Frist kommen, z.B. wenn du an Tag 180 deine Ausreise planst und dann ein gebrochenes Bein die Ausreise für 2 Wochen verhindert. Außerdem schützt dich das Beachten der 183-Tage-Regelung noch lange nicht vor einer unbeschränkten Steuerpflicht in Deutschland.

Schauen wir uns dazu noch ein konkretes Beispiel aus meiner Beratungspraxis an:

Beispiel 3:
Anfrage: Ich und meine Familie (Frau + noch nicht schulpflichtiges Kind) sind in Hongkong wohnhaft, haben aber zur Zeit keine Wohnung. Wir nehmen seit Mitte 2018 eine Auszeit (mit gelegentlichen Beratungsjobs für Firmen in Asien) und sind seitdem auf Reisen in Europa.

Ende März wollten wir wieder zurück nach Hongkong ziehen. Unsere Rückreise, die für Ende März geplant war, werden wir jedoch aufgrund des Coronavirus auf unbestimmte Zeit verschieben.

Wir haben die überwiegende Zeit in Südeuropa verbracht und sind seit 31. September 2019 in Deutschland mit kurzfristigen Urlauben von bis zu 10 Tagen. Bis zum 20. März 2020 werden wir seit 31. September 2019 zwei Mal für jeweils 2 Monate in einer AirBNB Wohnung gewohnt haben, die restlichen Wochen haben wir bei Eltern, Schwiegereltern sowie Freunden verbracht.

Unsere Möbel sind seit Mitte 2018 in Deutschland eingelagert. Gilt in unserem Fall ausschließlich die 183-Tage-Regel oder besteht in unserem Fall die Gefahr bereits vorher steuerpflichtig zu werden? Gilt die 183-Tage-Regel für jeden beliebigen Zeitraum, d.h. ab Ende März 2020 fortlaufend oder nur für das Steuerjahr?

Sofern die 183-Tage-Regel seit 31. September 2019 läuft, besteht die Gefahr, dass wir bereits vor Ende März 2020 in Deutschland unbeschränkt steuerpflichtig werden? Sofern wir Ende März unseren Flug nach Hongkong wegen des Coronavirus nicht antreten können, reicht ein dreiwöchiger Urlaub außerhalb Deutschlands aus, um die Steuerpflicht zu verhindern?

Antwort: Die 183-Tage-Regelung ist immer als Muss-Regelung zu verstehen und bezieht sich auf einen rollierenden Zeitraum, d.h. immer bezogen auf die jeweiligen letzten 365 Tage. Sobald ihr also die 183 Tage seit 31. September 2019 überschreitet, seid ihr in jedem Fall (rückwirkend) unbeschränkt steuerpflichtig in Deutschland. Die kurzfristigen Urlaube oder ein dreiwöchiger Urlaub außerhalb Deutschlands gelten als kurzfristige Unterbrechungen und bleiben unberücksichtigt.

2.2.1. Habe ich sicher keinen gewöhnlichen Aufenthalt in Deutschland mehr, wenn ich weniger als 183 Tage da bin?

Nein, die Regelung zum gewöhnlichen Aufenthalt in § 9 Satz 1 AO ist aufgrund der relativ frei interpretierbaren Regelung oft nicht eindeutig einzuschätzen. Entsprechend bleibt den Finanzbehörden hier einiges an Ermessensspielraum, um im Zweifel doch von einer unbeschränkten Steuerpflicht auszugehen. Der Gesetzgeber schreibt dazu in Rn. 1 zu § 9 im AEAO:

„Der Tatbestand des gewöhnlichen Aufenthalts kann bei einem weniger als sechs Monate dauernden Aufenthalt verwirklicht werden, wenn Inlandsaufenthalte nacheinander folgen, die sachlich miteinander verbunden sind, und der Steuerpflichtige von vornherein beabsichtigt, nicht nur vorübergehend im Inland zu verweilen…“

Insgesamt gibt es zum gewöhnlichen Aufenthalt keine wirklichen Präzedenzfälle und zudem eine Vielzahl an weiteren Parametern (Stichwort: Lebensmittelpunkt), die als gewöhnlicher Aufenthalt ausgelegt werden könnten. Daher sollten die “erlaubten“ 183 Tage nicht bis zum äußersten ausgereizt werden.

Meine Empfehlung: Nicht länger als 2 Monate in Deutschland und längere Unterbrechungen zwischen den Besuchen!
Michael Wohlfart - Steuerberater

Die folgende Empfehlung hat sich in der Beratungspraxis bewährt. Diese dürfte gegenüber der bloßen 183-Tage-Regelung die Rechtssicherheit erheblich erhöhen, bedeutet für dich aber eine Einschränkung deiner Deutschland-Besuche:

Meine Empfehlung: Der Zeitraum in Deutschland sollte regelmäßig nicht länger als 2 Monate am Stück betragen (damit du „nur vorübergehend [in Deutschland] verweilst“). Dazwischen solltest du immer mindestens 3 Wochen im Ausland verweilen (länger als „kurzfristige Unterbrechungen“ deiner Deutschland-Besuche). Diese Auslandsaufenthalte sollten möglichst nicht wie Geschäfts- oder Privatreisen ausgestaltet sein, sondern an deinen neuen Wohnsitz erfolgen. Das würde zusätzlich daraufhin deuten, dass dein gewöhnlicher Aufenthalt und damit Lebensmittelpunkt im Ausland liegt.
Michael Wohlfart - Steuerberater

2.2.2. Wie kann ich nachweisen, dass ich keinen gewöhnlichen Aufenthalt mehr in Deutschland bzw. keine 183 Tage in Deutschland bin?

Grundsätzlich empfehle ich dir, die Zeit im Ausland durch geeignete Belege zu dokumentieren (Reise- und Unterkunftsbelege, Bankauszüge mit Abhebungen und Zahlungen, Ein- und Ausreisestempel etc.).

Die Tage in Deutschland solltest du dann tagesgenau aufzeichnen, wenn du häufiger in Deutschland bist. So kannst du die (rollierende) Anzahl der Tage in Deutschland immer klar nachvollziehen. Für die 183-Tage-Regelung gilt immer ein rollierender 365-Tage Zeitraum (nicht das Kalenderjahr).

2.3. Was passiert, wenn mein gewöhnlicher Aufenthalt erst später festgestellt wird?

Wenn erst später festgestellt wird, dass gewöhnlicher Aufenthalt in Deutschland liegt, dann bist du von Beginn an in Deutschland unbeschränkt steuerpflichtig. Das kann durchaus vorkommen, wenn du z.B. einen viel kürzeren Aufenthalt planst, dieser aber aus privaten oder gesundheitlichen Gründen verlängert werden muss.

Wenn wir uns dazu das obige Beispiel 3 aus meiner Beratungspraxis anschauen, würde bei Überschreiten der 183-Tage-Regelung eine unbeschränkte Steuerpflicht ab dem 30.09.19 vorliegen. Für ganz 2019 wäre dann eine Steuererklärung in Deutschland abzugeben.

2.4. Wie erfolgt die Abgrenzung zu Besuchs-, Erholungs-, Kur- oder ähnlichen privaten Zwecken und wann kann ich auch länger als 183 Tage in Deutschland sein, ohne steuerpflichtig zu werden?

Das ist ein schwieriges Thema. Du musst dem Finanzamt dabei zwei Punkte glaubhaft nachweisen können:

Erstens darf dein „Aufenthalt ausschließlich zu Besuchs-, Erholungs-, Kur- oder ähnlichen privaten Zwecken“ erfolgen. Du darfst während dieser Zeit also unter keinen Umständen unternehmerisch tätig werden. Diese Abgrenzung dürfte für einen digitalen Unternehmer kaum möglich sein.

Zum Zweiten darf dieser Aufenthalt nicht länger als ein Jahr“ dauern. Sonst führt das in jedem Fall zu einem gewöhnlichen Aufenthalt in Deutschland.

2.5. Werde ich auch steuerpflichtig, wenn ich gezwungen bin, mich in Deutschland aufzuhalten (z.B. Strafvollzug)?

Ja, auch Zwangsaufenthalte begründen im Steuerrecht einen gewöhnlichen Aufenthalt, zum Beispiel im Strafvollzug oder in einem Unfallkrankenhaus.

In Einzelfällen kann hier aber statt der 183-Tage-Regelung auf eine Anwesenheit von bis zu einem Jahr abgestellt werden (siehe vorheriger Abschnitt).

Insgesamt ist dafür aber immer deine körperliche Anwesenheit erforderlich.

2.6. Habe ich einen gewöhnlichen Aufenthalt, wenn ich zwar von vornherein länger in Deutschland sein möchte, den Aufenthalt aber abreche?

Ja, so sieht es zumindest der Gesetzgeber („der Steuerpflichtige von vornherein beabsichtigt, nicht nur vorübergehend im Inland zu verweilen…“). Daher ist zur Vermeidung eines gewöhnlichen Aufenthaltes immer darauf zu achten, keine Anhaltspunkte oder Dokumentation für einen länger geplanten Aufenthalt zu schaffen.

Der klassische Anwendungsfall ist dabei ein Arbeitsvertrag oder ein Auftragsverhältnis, dass eine physische Anwesenheit in Deutschland voraussetzt und für länger als 6 Monate geschlossen wird; auch wenn der Vertrag dann vorher beendet wird, führt das zu einer unbeschränkten Steuerpflicht in Deutschland.

2.7. Was ist der Unterschied zwischen Wohnsitz und gewöhnlicher Aufenthalt?

Der Wohnsitz nach § 8 AO setzt im Wesentlichen eine Wohnung in Deutschland voraus, über die du jederzeit verfügen kannst.

Nur wenn du keinen Wohnsitz in Deutschland hast, spielt der gewöhnliche Aufenthalt nach § 9 AO eine Rolle für die unbeschränkte Steuerpflicht (steht also „weiter hinten“ im Gesetz und ist somit subsidiär).

Du willst wissen, wie genau der Wohnsitz definiert ist und auf was du achten musst? Das erfährst du in diesem Artikel: „Wohnsitz abmelden - Die häufigsten Fragen & Antworten 2020“
Möchtest du mehr über das erfahren?​

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3. Zu welchem Zeitpunkt ist mein gewöhnlicher Aufenthalt beendet, wenn ich auswandere?

So, jetzt wird es für deine Auswanderung spannend.

Üblicherweise endet dein gewöhnlicher Aufenthalt mit dem Tag deiner Ausreise aus Deutschland.

Dabei gibt es aber einige Fallstricke, die du beachten musst. Insbesondere, wenn du weiterhin häufiger in Deutschland sein möchtest.

Im besten Fall empfehle ich, möglichst die nächsten 6 Monate nicht nach Deutschland zurückzukehren. Das sieht auch der Gesetzgeber in Rn. 4 zu § 9 im AEAO so:

„Der gewöhnliche Aufenthalt im Inland ist aufgegeben, wenn der Steuerpflichtige zusammenhängend mehr als sechs Monate im Ausland lebt…“

3.1. Wie viele Tage darf ich mich in Deutschland nach meiner Auswanderung aufhalten, ohne wieder steuerpflichtig zu werden?

Diese Frage kann nicht eindeutig beantwortet werden.

Meine Empfehlung: Möglichst 6 Monate am Stück nicht nach Deutschland zurückkehren!
Michael Wohlfart - Steuerberater

Insgesamt können wir uns dabei aber auf die drei folgenden gesetzlichen Definitionen beziehen:

  • „nicht nur vorübergehend“: Dein Auslandsaufenthalt sollte nicht nur vorübergehend, also dauerhaft, sein. Das wollen wir uns genauer anschauen.
  • „kurzfristige Unterbrechungen bleiben unberücksichtigt“: Du darfst deinen Auslandsaufenthalt durchaus kurzfristig unterbrechen und dich in Deutschland aufhalten. Für das erste halbe Jahr würde ich das aber auf ein Minimum beschränken. Insbesondere, da für die Berechnung der 183-Tage-Regelung immer auf ein rollierendes Jahr abzustellen ist
  • „zusammenhängend mehr als sechs Monate“: Dazu kann man sich auch wieder auf die gesetzliche Meinung in Rn. 1 zu § 9 im AEAO beziehen:

„Bei Unterbrechungen der Anwesenheit kommt es darauf an, ob noch ein einheitlicher Aufenthalt oder mehrere getrennte Aufenthalte anzunehmen sind. Ein einheitlicher Aufenthalt ist gegeben, wenn der Aufenthalt nach den Verhältnissen fortgesetzt werden sollte und die Unterbrechung nur kurzfristig ist. Als kurzfristige Unterbrechung kommen in Betracht Familienheimfahrten.“

Deine Unterbrechungen deines Auslandsaufenthaltes, also deine Besuche in Deutschland, sollten sich an diesen Kriterien orientieren.

3.2. Wann gilt mein Auslandsaufenthalt als „nicht nur vorübergehend“?

Nach meiner Einschätzung liegt eine Rechtssicherheit, also das du zuverlässig davon ausgehen kannst, dass dein gewöhnlicher Aufenthalt beendet ist, frühestens bei einem Auslandsaufenthalt von mehr als 12 Monaten vor.

Meine Empfehlung: Wandere für mindestens 24 Monate aus!
Michael Wohlfart - Steuerberater

Du solltest deinen Auslandsaufenthalt auch im vornherein für eine längere, am besten unbegrenzte, Dauer planen und das entsprechend glaubhaft nachweisen können.

Zu dieser Frage habe ich extra einen eigenen Artikel geschrieben. Diesen findest du hier: „Wie lange musst du auswandern, um wirklich Steuern zu sparen?“

3.3. Was ist im ersten Halbjahr nach meiner Ausreise bezüglich der 183-Tage-Regelung zu beachten?

Grundsätzlich sind bei der Berechnung der 183-Tage-Regelung immer die letzten 365 (366) Tage relevant. Das bedeutet aber nicht, dass dein gewöhnlicher Aufenthalt erst 183 Tage nach deiner Ausreise endet. Vielmehr ist die 183-Tage-Regelung relevant, wenn es darum geht, wieder einen gewöhnlichen Aufenthalt in Deutschland bzw. im Ausland zu begründen.

Es ist aber sehr wohl entscheidend, dass du in den ersten 183 Tagen nach deiner Auswanderung deinen gewöhnlichen Aufenthalt konsequent beendest.

Ab einem gewissen Zeitpunkt solltest du für die letzten 365 Tage unter 183 Tage in Deutschland fallen (je nachdem wie oft du in den ersten 6 Monaten nach der Auswanderung noch in Deutschland bist) und darfst dann nicht mehr darüber kommen. Sonst bist du wieder unbeschränkt steuerpflichtig.

3.4. Wo muss ich Steuern zahlen, wenn ich nur einen Auslandsaufenthalt für ein paar Monate habe?

Aus der obigen Diskussion siehst du schon, dass du mehr als 6 Monate im Ausland leben musst, um deinen gewöhnlichen Aufenthalt und damit deine Steuerpflicht in Deutschland zu beenden.

Andernfalls dürfte der Auslandsaufenthalt nicht als dauerhaft eingestuft werden.

Ein dreimonatiger Auslandsaufenthalt dürfte regelmäßig nur als vorübergehender Auslandsaufenthalt eingestuft werden.

Schauen wir uns auch dazu ein Beispiel aus meiner Beratungspraxis an:

Beispiel 4:
Frage: Hallo, meine Frage bezieht sich auf temporäre Auslandsaufenthalte (1-2J) mit der Absicht zurückzukommen (Sabbatical, Aussteigerjahr etc.). Für diese Zeit würde ich nicht vorsehen meinen gesamten Haushalt zu liquidieren, sondern mein Hab und Gut in einem Zimmer bei meinen Eltern zu parken. In Dtl. würde ich mich in dieser Zeit max. für 2 Kurzbesuche im Jahr aufhalten.

Wäre ich in diesem Fall für die Zeit meines Auslandsaufenthalts dennoch in Dtl uneingeschränkt steuerpflichtig?

Antwort: Einen Wohnsitz dürftest du dann nicht mehr haben. Es bleibt nur das Thema mit dem gewöhnlichen Aufenthalt bzw. dem Lebensmittelpunkt. Das FA könnte argumentieren, dass du nur vorübergehend DE verlassen hast. Grundsätzlich reichen dazu mehr als 6 Monate, zu empfehlen sind mehr als 12 Monate. Auf Nummer sicher ist man wohl immer erst ab 24+ Monaten. Wenn du also mehr als 12 Monate weg bist und erstmal „unklar“ ist, ob du zurückkommst, würde ich dich für diese Zeit nicht als unbeschränkt steuerpflichtig ansehen. Du solltest deine Auswanderung also erstmal für eine unbegrenzte Zeit planen.

3.5. Macht es einen Unterschied, ob ich meinen gewöhnlichen Aufenthalt irgendwann innerhalb eines Kalenderjahres, bis zum 30.06 oder zum 31.12 beende?

Nein, es macht eigentlich keinen Unterschied, wann du innerhalb eines Kalenderjahres auswanderst.

Du wirst immer für das ganze Jahr zur unbeschränkten Steuerpflicht veranlagt (vgl. § 2 (7) EStG). Du musst immer deine Einkünfte bis zur Auswanderung voll versteuern. Ab dem Tag deiner Auswanderung musst du dann nur noch deine beschränkt steuerpflichtigen Einkünfte versteuern.

Allerdings solltest du vermeiden, in deiner deutschen Steuererklärung ausländische Einkünfte angeben zu müssen, die dann dem Progressionsvorbehalt unterliegen und somit deinen Steuersatz erhöhen. Daher ist es sinnvoll, erst im Jahr nach der Auswanderung persönliche ausländische Einkünfte zu erzielen.

Das willst du jetzt genau verstehen? Dann empfehle ich dir meinen Artikel „Auswandern & Wohnsitz abmelden: der beste Zeitpunkt im Kalenderjahr“!

3.6. Muss ich mich bei meiner Krankenkasse abmelden oder kann ich weiter versichert bleiben?

Wer in Deutschland seinen Wohnsitz oder gewöhnlichen Aufenthalt hat, ist sozialversicherungspflichtig. Das ergibt sich aus § 3 des Sozialgesetzbuch (SGB) Viertes Buch (IV) („SGB IV“):

„Die Vorschriften über die Versicherungspflicht und die Versicherungsberechtigung gelten, […]
2. soweit sie eine Beschäftigung oder eine selbständige Tätigkeit nicht voraussetzen, für alle Personen, die ihren Wohnsitz oder gewöhnlichen Aufenthalt im Geltungsbereich dieses Gesetzbuchs haben.“

Wenn du auswanderst, bist du in Deutschland nicht mehr sozialversicherungspflichtig. Damit stellt sich jedoch auch die umgekehrte Frage: bin ich noch berechtigt, Leistungen von den Sozialversicherungen zu beziehen, wenn ich ausgewandert bin?

Diese Frage lässt sich leider nicht pauschal beantworten. Das Thema der Krankenversicherungspflicht bzw. Versicherungsleistungen beim Auswandern ist äußerst komplex und muss zumindest zwischen der gesetzlichen und privaten Krankenversicherung getrennt betrachtet werden.

Daher gebe ich hier nur einen kurzen Einblick für die gesetzliche Krankenversicherung.

Wenn du deinen Wohnsitz und gewöhnlichen Aufenthalt ins EU-Ausland verlagerst, kannst du prinzipiell weiterhin Leistungen von deiner deutschen Krankenversicherung und Pflegeversicherung beziehen. Allerdings nur auf dem Niveau des neuen Wohnsitzlandes.

Bei der Auswanderung in ein Drittland leistet die deutsche Krankenversicherung im Krankheitsfall nicht mehr. Daher macht es dann auch keinen Sinn mehr, dass du weiterhin Beiträge bezahlst.

Um deine gesetzliche Krankenversicherung kündigen zu können, musst du mindestens deine Abmeldebescheinigung vorlegen und nachweisen, dass du ins Ausland gezogen bist. Manche Versicherungen verlangen auch die Vorlage einer Versicherungspolice im neuen Wohnsitzland oder ein Flugticket. Kündige auf jeden Fall rechtzeitig, denn auch bei der Auswanderung gilt eine Kündigungsfrist von meist zwei Monaten.

Für den steuerlichen gewöhnlichen Aufenthalt spielt deine Krankenkasse keine Rolle. Wenn du diese behältst, könnte das aber eine Rückkehrabsicht implizieren.

3.7. Muss ich für die Beendigung des gewöhnlichen Aufenthalts mein Auto verkaufen?

Nein, du musst dein Auto nicht unbedingt verkaufen. Wenn du dich aber nicht mehr in Deutschland aufhältst, musst du dich um eine Ummeldung kümmern.

Nimmst du dein Auto mit ins Ausland nimmt, musst du es in Deutschland abmelden und anschließend im neuen Wohnsitzland anmelden. Jedes Land macht dabei etwas andere Vorgaben zum genauen Verfahren. Auch die Frist für die Ummeldung kann sehr unterschiedlich sein. Daher solltest du dich frühzeitig informieren.

Auch hier gilt: Für den gewöhnlichen Aufenthalt spielt ein Auto in Deutschland keine Rolle, könnte aber eine Rückkehrabsicht implizieren.

Meine Empfehlung: Melde dein Auto auf eine Vertrauensperson um, wenn du es in Deutschland zurücklassen willst!
Michael Wohlfart - Steuerberater

3.8. Besteht noch Schulpflicht, wenn wir keinen gewöhnlichen Aufenthalt mehr in Deutschland haben?

Ein ähnlich kompliziertes Thema ist die Schulpflicht in Deutschland und wie man sie vermeidet.

Alle Kinder, die in Deutschland ihren Wohnsitz oder gewöhnlichen Aufenthalt haben, unterliegen der Schulpflicht. Die Dauer der Schulpflicht und das Eintrittsdatum sind in den Schulgesetzen der jeweiligen Bundesländer geregelt. Hier gibt es also keine einheitlichen Vorgaben auf Bundesebene.

Die einzelnen Regelungen und die Schulpflicht selbst sind dabei nicht unumstritten. Dennoch ist es bisher in der Praxis so, dass Eltern die Schulpflicht ihres Kindes nur vermeiden können, wenn sie nicht mehr in Deutschland leben. Denn auch Kinder, die keinen gemeldeten Wohnsitz in Deutschland haben, unterliegen der Schulpflicht, wenn sie ihren gewöhnlichen Aufenthalt hier haben. Im Umkehrschluss kann kein Kind beschult werden, das nicht mehr in Deutschland lebt.

Das heißt, wenn du mit deiner Familie auswanderst, habt ihr alle keinen gewöhnlichen Aufenthalt mehr in Deutschland. Dann besteht auch keine Schulpflicht mehr.

Es ist also nicht nur steuerlich, sondern auch zur Vermeidung der Schulpflicht wichtig, den gewöhnlichen Aufenthalt rechtssicher zu beenden.

Du solltest hierzu auch beachten, dass das Kindergeld wegfällt, wenn du in Deutschland nicht mehr unbeschränkt steuerpflichtig bist und dein Kind seinen Wohnsitz nicht mehr in Deutschland bzw. im EU-Ausland hat. Dabei gibt es allerdings auch einige Ausnahmen, die wiederum komplex ausgestaltet sind. Wäre ja sonst zu einfach.

4. Ab wann habe ich wieder einen gewöhnlichen Aufenthalt in Deutschland bei Besuchen oder bei meiner Rückkehr?

Wir gehen jetzt davon aus, dass du bereits mehrere Jahre ins Ausland ausgewandert und somit nicht mehr unbeschränkt steuerpflichtig in Deutschland bist.

4.1. Wann kann wieder ein gewöhnlicher Aufenthalt bei meinen Besuchen in Deutschland vorliegen?

Einen gewöhnlichen Aufenthalt hast du in jedem Fall wieder, wenn du für einen zusammenhängenden Zeitraum von mehr als sechs Monaten in Deutschland bist.

Insgesamt solltest du bei deinen Besuchen in Deutschland also in jedem Fall die 183-Tage-Regelung beachten. Im besten Fall solltest du auch meiner Empfehlung folgen: „Nicht länger als 2 Monate in Deutschland und längere Unterbrechungen zwischen den Besuchen“.

4.2. Macht es einen Unterschied, ob ich bei den Besuchen in Deutschland in einer privaten Wohnung oder einem Hotel übernachte?

Nein, das macht keinen Unterschied. Es kommt immer nur auf die tatsächliche Aufenthaltsdauer an. Zumindest sofern du aber in einer privaten Wohnung übernachtest, solltest du noch den Lebensmittelpunkt im Blick behalten.

Steuerrechtlich liegt ein Wohnsitz erst vor, wenn du in einer Wohnung für mehr als 6 Monate lebst. Siehe dazu Rn. 4.2.2 zu § 8 im AEAO:

„Wer eine Wohnung von vornherein in der Absicht nimmt, sie nur vorübergehend (für bis zu sechs Monate) beizubehalten und zu benutzen, begründet dort keinen Wohnsitz…“

4.3. Welche Rolle spielt die Meldepflicht für den gewöhnlichen Aufenthalt?

Für den gewöhnlichen Aufenthalt und damit die Steuerpflicht spielt die Meldepflicht grundsätzlich keine Rolle.

Wenn du dich aber beim Einwohnermeldeamt anmeldest, bekommt das Finanzamt gegebenenfalls eine Information über deine Anwesenheit in Deutschland. Daraus könnte das Finanzamt dann deine Rückkehr ableiten und dir zumindest ein paar Fragen stellen.

Du musst dich aber sowieso erst wieder anmelden, wenn du länger als drei Monate wieder in Deutschland bist (vgl. § 27 Absatz 2 Satz 3 Bundesmeldegesetz):

„Für Personen, die sonst im Ausland wohnen und im Inland nicht nach § 17 Absatz 1 gemeldet sind, besteht diese Pflicht nach Ablauf von drei Monaten.“

Ich würde sowieso empfehlen, Deutschland-Besuche auf jeweils weniger als drei Monate zu begrenzen. Wenn sich das einmal nicht vermeiden lässt und du die Meldepflicht dabei aus Versehen vergisst, droht dir höchstens eine Ordnungswidrigkeit. Das Bußgeld für die Ordnungswidrigkeit beträgt maximal 1.000 € (vgl. § 54 Absatz 3 zweiter Halbsatz Bundesmeldegesetz).

Aber mal unter uns, wenn du zeitnah wieder ausreisen willst und vor allem die steuerlichen Vorschriften beachtest, sollte das unkritisch sein. Gerade, wenn du während des Aufenthalts an verschiedenen Orten lebst (also „OfW“ = ohne festen Wohnsitz), stellst sich mir die Frage, welche Behörde hier zuständig sein sollte.

4.4. Ab wann habe ich bei meiner Rückkehr nach Deutschland wieder einen gewöhnlichen Aufenthalt?

Für deine unbeschränkte Steuerpflicht spielt diese Frage nur eine Rolle, wenn du keinen festen Wohnsitz begründet.

Wenn du nach den obigen Kriterien aber wieder einen gewöhnlichen Aufenthalt in Deutschland hast, bist du wieder unbeschränkt Steuerpflicht; und zwar rückwirkend ab dem ersten Tag deiner Einreise.

Schauen wir uns dazu auch nochmal ein Beispiel an:

Beispiel 5:

  • Du bist in 2017 aus Deutschland ausgewandert. Seitdem warst du nur zu gelegentlichen Besuchen in Deutschland.
  • Ab 2021 häufen sich die Deutschland-Besuche.
  • Wann hast du (spätestens) wieder einen gewöhnlichen Aufenthalt in Deutschland?
Beispiel 5: Wiederaufleben des gewöhnlichen Aufenthalts zum 01.12.20
Ausgangslage
Auswanderung aus Deutschland in 2017
Tage in Deutschland in 2020
41 - 1) vorletzter Deutschland-Besuch vom 10.09.20 - 20.09.20 2) letzter Deutschland-Besuch vom 01.12.20 - 30.12.20
2) letzter Deutschland-Besuch vom 01.12.20 - 30.12.20
Tage in Deutschland in 2021
160 - 3) erster Deutschland-Besuch vom 15.01.21 - 14.03.21 4) zweiter Deutschland-Besuch vom 10.04.21 - 05.06.21 5) dritter und letzter Deutschland-Besuch vom 15.09.21 - 28.10.21
4) zweiter Deutschland-Besuch vom 10.04.21 - 05.06.21
5) dritter und letzter Deutschland-Besuch vom 15.09.21 - 28.10.21
Wiederaufleben gewöhnlicher Aufenthalt
Spätestens ab 21.10.21; rückwirkend zum 01.12.20
- Bei Betrachtung der letzten 12 Monate zum 21.10.21 entfallen 183 Tage auf Deutschland
- Der „vorletzte“ Deutschland-Besuch dürfte unbeachtlich sein, da du bei einer rückwärtsgerichteten Betrachtung ab 10.09.20 nur 163 Tage in Deutschland warst
- Rechtssicher ist das nicht, da trotzdem ein gewöhnlicher Aufenthalt / Lebensmittelpunkt in Deutschland unterstellt werden könnte
Rechtsfolge für die Steuerpflicht
Veranlagung zur unbeschränkten Steuerpflicht für 2020 und 2021

5. Welche Rolle spielt der gewöhnliche Aufenthalt im internationalen Steuerrecht und wie kann ich mit der 183-Tage-Regelung steuerfrei leben?

Die weltweiten Steuersysteme sind mittlerweile zumindest bezüglich der Steuerpflicht weitgehend harmonisiert.

In den meisten Doppelbesteuerungsabkommen und dem zu Grunde liegenden OECD-Musterabkommen sind für die Steuerpflicht der Wohnsitz, der Lebensmittelpunkt und der gewöhnliche Aufenthalt ausschlaggebend.

Ein Wohnsitz lässt sich als digitaler Nomade und Unternehmer leicht vermeiden. Gleiches gilt für den gewöhnliche Aufenthalt, wenn du als digitaler Nomade regelmäßig deinen Aufenthaltsort änderst. Dann kann für die Steuerpflicht höchstens noch der Lebensmittelpunkt eine Rolle spielen. Dieser kann aber eigentlich nur deinem letzten Wohnsitzland (Deutschland) liegen. Wenn du aber die obigen Empfehlungen befolgst, sollte das kein Problem sein.

Damit wärst du nirgendwo unbeschränkt steuerpflichtig.

5.1. Gibt es Unterschiede beim gewöhnlichen Aufenthalt im internationalen Steuerrecht gegenüber Deutschlands?

Grundsätzlich nein. Zwar kann jedes Land seine nationalen Regeln weitgehend unabhängig regeln, für das internationale Steuerrecht und die Anwendung von Doppelbesteuerungsabkommen ist das aber meistens sehr ähnlich geregelt.

Wichtig ist dabei, dass du im Steuerrecht nicht mehrerer gewöhnliche Aufenthalte gleichzeitig geben. Es gilt das Highlander-Prinzip (vgl. Rn. 3 zu § 9 im AEAO):

„Der gewöhnliche Aufenthalt kann nicht gleichzeitig an mehreren Orten bestehen. Bei fortdauerndem Schwerpunktaufenthalt im Ausland begründen kurzfristige Aufenthalte im Inland, z.B. Geschäfts-, Dienstreisen, Schulungen, keinen gewöhnlichen Aufenthalt im Inland.“

Das kann insbesondere dann eine Rolle spielen, wenn dir das Finanzamt einen gewöhnlichen Aufenthalt oder Lebensmittelpunkt in Deutschland unterstellen will. Wenn du dann mindestens 183 Tage in einem (bestimmten) anderem Land bist, kann der gewöhnlichen Aufenthalt nach einem DBA nicht in Deutschland sein.

5.2. Muss ich als Perpetual Traveler tatsächlich keine Steuern zahlen, wenn ich in keinem Land länger als 183 Tage pro Jahr lebe?

Grundsätzlich ist das möglich. Wir haben jetzt gelernt, dass es Möglichkeiten gibt, als digitaler Nomade bzw. Perpetual Traveler nirgendwo auf der Welt unbeschränkt steuerpflichtig zu werden. Damit kannst du tatsächlich steuerfrei leben.

5.3. Was muss ich für dieses steuerfreie Leben noch beachten?

Wichtig ist dabei, dass du dich mit den steuerlichen Regelungen in deinem letzten Wohnsitzland (Deutschland) und deinen Aufenthaltsländern gut auskennst.

Teilweise gibt es in einzelnen Ländern Regelungen, dass du auch mit weniger als 183 Tagen steuerpflichtig wirst. Das hängt meist daran, ob du in einem anderen Land steuerpflichtig bist oder in diesem Land die meisten Tage des Jahres verbringst.

Wenn du dich z.B. in Deutschland 5 Monate pro Jahr aufhältst und sonst in keinem anderen Land mehr als 3 Monaten, könnte das durchaus für einen gewöhnlichen Aufenthalt bzw. Lebensmittelpunkt in Deutschland sprechen.

Auch solltest du Regelungen wie die erweitert beschränkte Steuerpflicht in Deutschland kennen. Nach § 2 Außensteuergesetz („AStG“) kannst du als deutscher Staatangehöriger schnell unter diese Regelung fallen. Dann könnten deine sogenannten betriebsstättenlosen Einkünfte in Deutschland nach § 2 (1) Satz 2 AStG steuerpflichtig sein:

„Für Einkünfte der natürlichen Person, die weder durch deren ausländische Betriebsstätte noch durch deren in einem ausländischen Staat tätigen ständigen Vertreter erzielt werden, ist für die Anwendung dieser Vorschrift das Bestehen einer inländischen Geschäftsleitungsbetriebsstätte der natürlichen Person anzunehmen, der solche Einkünfte zuzuordnen sind.“

Das betrifft also alle Einkünfte, die du mit einem Unternehmen erzielst, aber nirgendwo angibst bzw. besteuerst. Eine Geschäftsleitungsbetriebsstätte wäre in diesem Zusammenhang dort, wo du dich am meisten aufhältst bzw. einen Wohnsitz hast. Das kann z.B. Einkünfte aus ausländischen Personengesellschaften wie einer LLC (Limited Liability Company) oder LLP (Limited Liability Partnership) bzw. LP (Limited Partnership) in den USA oder Kanada umfassen.

Ein weiterer wichtiger Punkt bei diesem Lebensstil ist das Risiko, dass du wieder steuerpflichtig in Deutschland wirst. Das kann schnell passieren, z.B. wenn du ungeplant länger als 183 Tage in Deutschland bleiben musst.

Dann wäre kein DBA auf dich anwendbar und du wärst mit all deinen Einkünften unbeschränkt steuerpflichtig in Deutschland.

Meine Empfehlung: Begründe in einem Land einen Wohnsitz und hole dir eine Ansässigkeitsbescheinigung (bzw. ein „Tax Residency Certificate“)!
Michael Wohlfart - Steuerberater

Durch einen Wohnsitz in einem anderen Land bist du dort steuerpflichtig und dort kann auch eine Betriebsstätte für dein Unternehmen sein.

Zudem kannst du dir dann meist eine Ansässigkeitsbescheinigung bzw. ein „Tax Residency Certificate“ holen. Das kann helfen, viele Rückfragen und Probleme mit dem deutschen Finanzamt zu klären.

Wenn dieses Land dann noch ein DBA mit Deutschland hat, kann dich dieses DBA vor einer ungewollten Besteuerung in Deutschland schützen. Selbst, wenn du dann ungeplant unbeschränkt steuerpflichtig in Deutschland wirst, weist ein DBA das Besteuerungsrecht bei den meisten Einkünften dem Ansässigkeitsstaat zu.

5.4. Weitere Empfehlung: Unternehmen im Wohnsitzland gründen

Außerdem empfehle ich dir, im Ausland ein Unternehmen zu gründen. Gerade, wenn du im B2B Bereich (also Unternehmenskunden hast) tätig bist, brauchst du ein Unternehmen, um ordentliche Rechnungen auszustellen.

Ich weiß, in bestimmten Bereichen kann man auch ohne Unternehmen erfolgreich Geschäfte machen. Aber in den meisten Fällen geht das langfristig nicht gut. Die steuerliche Strukturierung muss sehr genau durchdacht und geplant werden. Vor allem aber führen gerade Änderungen im privaten und gesetzlichen Bereich leicht dazu, dass einem das steuerliche Setup um die Ohren fliegt; bis hin zur Steuerhinterziehung.

Selbstverständlich kannst du auch in einem anderen als deinem neuen Wohnsitzland ein Unternehmen gründen. Aber auch hier gilt das gleiche. Die steuerliche Strukturierung muss sehr genau durchdacht und geplant werden. Gerade, wenn drei Länder betroffen sind, kann dann die Anwendung von DBA (die immer nur zwischen zwei bestimmten Ländern greifen) leicht schief gehen.

Daher ist es regelmäßig der einfachste und rechtssicherste Weg, sich ein Land mit angenehmen Lebensbedingungen und für einen neuen Wohnsitz zu suchen und dort auch das neue Unternehmen zu gründen; auch wenn du dadurch etwas mehr Steuern zahlen musst.

Meine Empfehlung: Begründe in einem Land einen Wohnsitz und hole dir eine Ansässigkeitsbescheinigung (bzw. ein „Tax Residency Certificate“)!
Michael Wohlfart - Steuerberater

5.5. Die 183-Tage-Regelung im DBA: Besonders relevant bei Einkünften aus nichtselbstständiger Arbeit

Abschließend will ich noch auf die Bedeutung der 183-Tage-Regelung im Zusammenhang mit Einkünften aus nichtselbstständiger Arbeit eingehen.

Schauen wir uns den ersten Anwendungsfall an:

Anwendungsfall 1:
Wenn du nach deiner Auswanderung ein Gehalt als Angestellter von einem deutschen Unternehmen bekommst, ist das immer beschränkt steuerpflichtig in Deutschland, sofern du die Tätigkeit auch nur einen Tag in Deutschland ausübst.

Selbst, wenn du kaum noch in Deutschland bist, musst du den Teil deines Gehalts in Deutschland versteuern, für den du die Tätigkeit in Deutschland ausübst (vgl. § 49 (1) Nr. 4 EStG). Hier spielt die 183-Tage-Regelung keine Rolle. Auch wenn ein DBA auf dich anwendbar ist, greift die Steuerpflicht in Deutschland. In Artikel 15 des OECD-Musterabkommen 2017 finden wir dazu folgende Regelung:

„Art. 15. Einkünfte aus unselbständiger Arbeit:    
(1) Vorbehaltlich der Artikel 16, 18 und 19 können Gehälter, Löhne und ähnliche Vergütungen, die eine in einem Vertragsstaat ansässige Person aus unselbständiger Arbeit bezieht, nur in diesem Staat besteuert werden, es sei denn, die Arbeit wird im anderen Vertragsstaat ausgeübt. Wird die Arbeit dort ausgeübt, so können die dafür bezogenen Vergütungen im anderen Staat besteuert werden.“

Das könnte nur vermieden werden, wenn die Ausnahmeregelung in Absatz 2 greift. Das wäre aber nur der Fall, wenn dein Arbeitgeber nicht in Deutschland wäre.

Und damit kommen wir zum zweiten, noch wichtigeren Anwendungsfall.

Anwendungsfall 2:
Wenn du nach deiner Auswanderung ein Gehalt als Angestellter von einem ausländischen Unternehmen bekommst, ist das in beschränkt steuerpflichtig in Deutschland, wenn kein DBA auf dich anwendbar ist und du die Tätigkeit auch nur einen Tag in Deutschland ausübst.

Auch hier greift die beschränkte Steuerpflicht, für den Teil der Tätigkeit, die du in Deutschland ausübst. Im zweiten Anwendungsfall kann dich aber sehr wohl ein DBA schützen. Dafür ist Absatz 2 im Artikel 15 des OECD-Musterabkommen 2017 entscheidend:

(2) Ungeachtet des Absatzes 1 können Vergütungen, die eine in einem Vertragsstaat ansässige Person für eine im anderen Vertragsstaat ausgeübte unselbständige Arbeit bezieht, nur im erstgenannten Staat besteuert werden, wenn

  1. a) der Empfänger sich im anderen Staat insgesamt nicht länger als 183 Tage innerhalb eines Zeitraums von zwölf Monaten, der während des betreffenden Steuerjahres beginnt oder endet, aufhält und
  2. b) die Vergütungen von einem Arbeitgeber oder für einen Arbeitgeber gezahlt werden, der nicht im anderen Staat ansässig ist, und
  3. c) die Vergütungen nicht von einer Betriebstätte getragen werden, die der Arbeitgeber im anderen Staat hat.

Die Kriterien müssen kumuliert vorliegen. Für dich dürfte aber nur der Punkt b) relevant sein. Das heißt dein Arbeitgeber, darf nicht in Deutschland ansässig sein. Wenn du dann im Ausland ansässig bist, wird Deutschland das Besteuerungsrecht wieder entzogen. Als Folge sind diese Einkünfte nicht in Deutschland zu versteuern.

Diesen Anwendungsfall habe ich oft bei digitalen Nomaden mit einer Estland OÜ. Diese lassen sich Gehalt von ihrer Estland OÜ auszahlen, ohne das irgendwo zu versteuern. Die Meinung, dass das Gehalt ja steuerfrei sein müsste resultiert daraus, dass diese digitalen Nomaden nirgendwo einen Wohnsitz haben und steuerfrei leben wollen. Solange sie dabei keinen Tag in Estland sind, trifft das für Estland auch zu.

Das funktioniert aber wie aufgezeigt nur, wenn diese digitalen Nomaden niemals in Deutschland sind bzw. nachweisbar die Tätigkeit für die Estland OÜ nicht in Deutschland ausüben.

Andernfalls ist das Gehalt der Estland OÜ beschränkt steuerpflichtig in Deutschland. Und ebenfalls in Ländern mit vergleichbaren Gesetzen wie Deutschland. Also alle EU-Länder und alle Länder der westlichen Welt. Dabei spielt es im Übrigen keine Rolle, ob Einkünfte aus selbständiger oder nicht selbständiger Arbeit vorliegen (vgl. § 49 (1) Nr. 3 bzw. Nr. 4 EStG).

Fazit: Die rechtssichere Beendigung des gewöhnlichen Aufenthalts bzw. der 183-Tage-Regelung ist bei deiner Auswanderung der wichtigste Schritt für eine Steuerfreiheit in Deutschland

Die zuverlässige Aufgabe deines Wohnsitzes und Lebensmittelpunktes in Deutschland kannst du anhand der Fakten leicht einschätzen und dokumentieren.

Aufgrund der Definition des gewöhnlichen Aufenthalts kann dessen Beendigung aber oft nicht genau nachvollzogen werden. Insbesondere, wenn du in der ersten Zeit nach deiner Auswanderung noch häufiger Deutschland-Besuche planst, solltest du den gewöhnlichen Aufenthalt genau im Blick behalten.

Meine Empfehlung: Kehre nach der Ausreise für die ersten zwei Monaten nicht nach Deutschland zurück und beschränke deine Deutschland-Besuche für die ersten sechs Monate auf ein Minimum!
Michael Wohlfart - Steuerberater
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Du willst mehr erfahren, was noch zu einer unbeschränkten Steuerpflicht in Deutschland führen kann?

Mit der Reihe „Keine Steuern mehr in Deutschland zahlen“ möchte ich all deine Fragen zu den drei Faktoren, die für eine rechtssichere Beendigung deiner unbeschränkten Steuerpflicht notwendig sind, beantworten:

  • Was musst du bei Aufgabe deines Wohnsitzes alles beachten?
  • Warum sind der gewöhnliche Aufenthalt und die 183-Tage-Regelung der wichtigste Schritt zur Beendigung deiner Steuerpflicht in Deutschland?
  • Welche Rolle spielt der Lebensmittelpunkt für die Steuerpflicht?

Dieser Artikel fasst alle Infos zusammen, die in meiner Beratungspraxis, durch Gespräche, Kommentare und viel Recherchearbeit zusammengekommen sind. Solltest du nach dem Lesen immer noch Fragen haben, dann rein damit in die Kommentare. Ich versuche mein Bestes, die letzten Unklarheiten aus dem Weg zu räumen.

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19 Antworten

  1. Danke erst einmal für die zahlreichen Infos! Ganz verstehe ich das mit der Steuerpflicht nach Abmeldung aber leider noch nicht 🙁

    Bei einer Abmeldung z.B. Mitte des Jahres 2020 und keinen weiteren Einnahmen aus Deutschland den Rest des Jahres, welche Einkommensteuererklärung muss man dann für 2020 schlussendlich abgeben? Unbeschränkte oder beschränkte? Gibt es einen Unterschied, wenn man das vorangegangene, rollierende Jahr nicht oder doch seinen gewöhnlichen Aufenthalt in Deutschland hatte? Oder ist es dann egal weil sowieso Mitte des Kalenderjahres?

    Muss man bei einer Anmeldung einer US LLC z. B. nach Tag der Abmeldung diese noch in der Steuererklärung für 2020 abgeben, weil man dann ja doch noch steuerpflichtig ist in Deutschland (ob beschränkt oder unbeschränkt ist dann egal)? Und muss man in einem der Fälle auf dieses Auslandseinkommen Steuern zahlen? Die Steuererklärung lässt sich im Elster jetzt ja noch nicht einmal abgeben, erst nach Ablauf des Jahres. Und per Papier nimmt das FA die ja eigentlich nicht an…

    Vielen Dank!

  2. Hi Michael!

    Bei deinem Beispiel der Estland OÜ unter Punkt „5.5. Die 183-Tage-Regelung im DBA: Besonders relevant bei Einkünften aus nichtselbstständiger Arbeit“, sagst du, dass das „das Gehalt der Estland OÜ beschränkt steuerpflichtig in Deutschland“ ist.

    Allerdings sagst du ja selbst, dass es sich dafür um „nichtselbständige“ Arbeit handeln muss.

    Bei der OÜ ist man doch aber Mehrheitsgesellschafter (alleiniger Gesellschafter) und somit ist es selbständige Arbeit. Damit wäre der Punkt dann also hinfällig oder wie siehst du das?

    1. Hallo Peter,
      guter Hinweis. Ich habe das im Artikel ergänzt. Nein, es spielt es keine Rolle, ob Einkünfte aus selbständiger oder nicht selbständiger Arbeit vorliegen (vgl. § 49 (1) Nr. 3 bzw. Nr. 4 EStG). Es geht ohne DBA nur um die Ausübung in DE.
      Es ist sowieso fraglich, wie die Einstufung zu erfolgen hat. Einkünfte aus selbständiger selbständiger Arbeit bzw. als Geschäftsführer dürften regelmäßig am Ort der Geschäftsleitung steuerpflichtig sein, also Estland. Argumentiert man, dass der Ort der Geschäftsleitung bzw. Geschäftsführer nicht in Estland ist, führt das zu einer steuerpflichtigen Betriebstätte in einem anderem Land, ggf. DE.
      Darum halte ich nicht viel von einer OÜ in Kombination mit Gehaltszahlung und ohne Wohnsitz.

  3. Hi Michael!

    Danke für die vielen Infos!

    Ich wollte fragen, ob du einschätzen kannst, ob im folgenden Fall die betroffene natürliche Person (Arbeitnehmer) in Deutschland einkommensteuerpflichtig wäre:

    Ein Schweizer Staatsbürger (keine deutsche Staatsangehörigkeit) mit Wohnsitz in der Schweiz (und Familie/Lebensmittelpunkt in der Schweiz), ist bei einer Schweizer Unternehmen mit Sitz in Zürich angestellt (und bezieht nur von diesem Schweizer Arbeitgeber seinen Lohn). Die Schweizer Firma gehört zu einem großen internationalen Unternehmen, welches auch in Deutschland durch eine separate GmbH präsent ist. Der Schweizer Arbeitgeber möchte, dass der betroffene Arbeitnehmer jede Woche 3 Tage in Deutschland arbeitet (um von dort aus Kunden zu betreuen/gewinnen -> die Einreise nach Deutschland wäre jeweils am Montag und die Ausreise am Mittwoch) und 2 Tage in der Schweiz arbeitet (Donnerstag & Freitag). Die Wochenenden und Ferientage verbringt der Arbeitnehmer in der Schweiz (bzw. nicht in Deutschland). Abzüglich 5 Wochen Ferien hält sich der Arbeitnehmer somit 47 Wochen pro Kalenderjahr x 3 Tage pro Woche = 141 Tage pro Kalenderjahr in Deutschland auf. Arbeitsort in Deutschland = Frankfurt am Main und in der Schweiz = Zürich.

    Gemäß § 1 Abs. 1 Nr. 1 Satz 1 des deutschen Einkommensteuergesetzes (EStG) ist eine natürliche Person dann in der Bundesrepublik Deutschland unbeschränkt einkommensteuerpflichtig, wenn sie in Deutschland einen Wohnsitz oder gewöhnlichen Aufenthalt besitzt.

    Frage 1: Würde der oben beschriebene Aufenthalt des Arbeitnehmers in Deutschland als “gewöhnlicher Aufenthalt” in Deutschland gelten oder gar Wohnsitz in Deutschland? Wäre somit der Arbeitnehmer in diesem Fall in Deutschland unbeschränkt einkommensteuerpflichtig?

    Artikel 4 des DBA (Doppelbesteuerungsabkommen zwischen Deutschland und Schweiz) definiert den Begriff der „ansässigen Person“. Dort heißt es:
    (1) Im Sinne dieses Abkommens bedeutet der Ausdruck „eine in einem Vertragsstaat ansässige Person“ eine Person, die nach dem in diesem Staat geltenden Recht dort unbeschränkt steuerpflichtig ist.
    (2) Ist nach Absatz 1 eine natürliche Person in beiden Vertragsstaaten ansässig, so gilt folgendes:
    a) Die Person gilt als in dem Vertragsstaat ansässig, in dem sie über eine ständige Wohnstätte verfügt. Verfügt sie in beiden Vertragsstaaten über eine ständige Wohnstätte, so gilt sie als in dem Vertragsstaat ansässig, zu dem sie die engeren persönlichen und wirtschaftlichen Beziehungen hat (Mittelpunkt der Lebensinteressen).
    b) Kann nicht bestimmt werden, in welchem Vertragsstaat die Person den Mittelpunkt der Lebensinteressen hat, oder verfügt sie in keinem der Vertragsstaaten über eine ständige Wohnstätte, so gilt sie als in dem Vertragsstaat ansässig, in dem sie ihren gewöhnlichen Aufenthalt hat.
    c) Hat die Person ihren gewöhnlichen Aufenthalt in beiden Vertragsstaaten oder in keinem der Vertragsstaaten, so gilt sie als in dem Vertragsstaat ansässig, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzt.
    d) Besitzt die Person die Staatsangehörigkeit beider Vertragsstaaten oder keines Vertragsstaates, so regeln die zuständigen Behörden der Vertragsstaaten die Frage in gegenseitigem Einvernehmen.

    Frage 2: Angenommen, dass der im obigen Fall betroffene Arbeitnehmer in Deutschland unbeschränkt einkommensteuerpflichtig ist, so wäre er gemäß Art. 4 Absatz 1 des DBA sowohl in der Schweiz als auch in Deutschland ansässig?

    Frage 3: Kann ausgehend von Art. 4 Absatz 2 des DBA jedoch gesagt werden, dass der betroffene Arbeitnehmer nur in der Schweiz ansässig ist, da er seinen “Mittelpunkt der Lebensinteressen” in der Schweiz hat (Partnerin und Sohn in der Schweiz) und zudem nur die Schweizer Staatsangehörigkeit besitzt?

    Die Besteuerung der Einkünfte aus nichtselbständiger Arbeit regelt Artikel 15 des DBA. Dort heißt es:
    (1) Vorbehaltlich der Artikel 15 a bis 19 können Gehälter, Löhne und ähnliche Vergütungen, die eine in einem Vertragsstaat ansässige Person aus unselbständiger Arbeit bezieht, nur in diesem Staat besteuert werden, es sei denn, das die Arbeit in dem anderen Vertragsstaat ausgeübt wird. Wird die Arbeit dort ausgeübt, so können die dafür bezogenen Vergütungen in dem anderen Staat besteuert werden.
    (2) Ungeachtet des Absatzes 1 können Vergütungen, die eine in einem Vertragsstaat ansässige Person für eine in dem anderen Vertragsstaat ausgeübte unselbständige Arbeit bezieht, nur in dem erstgenannten Staat besteuert werden, wenn
    a) der Empfänger sich in dem anderen Staat insgesamt nicht länger als 183 Tage während des betreffenden Kalenderjahres aufhält,

    b) die Vergütungen von einem Arbeitgeber oder für einen Arbeitgeber gezahlt werden, der nicht in dem anderen Staat ansässig ist, und

    c) die Vergütungen nicht von einer Betriebstätte oder einer festen Einrichtung getragen werden, die der Arbeitgeber in dem anderen Staat hat.

    Frage 4: Im Falle des betroffenen Arbeitnehmers werden die Bedingungen des Art. 15 Absatz 2 a) bis c) des DBA erfüllt. Kann man also sagen, dass dieser Arbeitnehmer nur in der Schweiz einkommensteuerpflichtig wäre, nicht aber in Deutschland?

    Vielen Dank vorab für dein Feedback.

    1. Hallo Max,
      wow, dein Kommentar ist ja fast länger als mein Artikel. Das DBA mit der Schweiz ist relativ speziell und zudem gibt es dabei Punkte zur Grenzgängerregelung zu beachten. Daher lässt sich hier keine einfache Antwort geben und eine Beratung ist klar zu empfehlen. Diese sollte auch vom entsendeten Unternehmen getragen werden.

      Mein erste Einschätzung: Ein gewöhnlicher Aufenthalt dürfte es wohl nicht sein, ggf. aber ein Wohnsitz, wenn in Frankfurt eine feste Wohnung gemietet wird. Ansässig kann man immer nur in einem Land sein.

      Gerne können wir das gemeinsam klären, schreib mir dazu einfach über das Kontaktformular: https://www.easydigitax.de/kontakt/

  4. Hallo und vielen Dank für die Informationen.

    Meine Frau hat ihren Wohnsitz in UK und arbeitet auch dort. Zusätzlich verdient sie 300 Euro in D.
    Wir haben dieses Jahr geheiratet und erwarten ein Baby.
    Coronabedingt war sie von Februar bis Mai hier bei mit in D. Es geht uns nicht ums Steuern sparen, aber laut Arbeitsvertrag muss sie in UK Steuern zahlen. Das würde laut 183 Tage Regel bedeuten, dass sie nun bis Mitte November in UK bleiben müsste. So bekäme ich wenig von der Schwangerschaft mit und durch die Corona Situation in UK hätte ich sie ohnehin lieber hier (ab Anfang Oktober wäre uns lieb).

    Gibt es wg Corona Sonderregelungen bezüglich der 183 Tage oder muss sie nun tatsächlich bis November bleiben um ihren Arbeitsvertrag nicht zu verletzen?

    1. Hallo, durch die Heirat ist deine Frau grundsätzlich unbeschränkt steuerpflichtig in Deutschland. Das Gehalt muss also bei Ausübung in DE auch in DE besteuert werden. Der Rest in UK. Wie genau das mit dem Arbeitsvertrag vereinbar ist, kann ich nicht beurteilen. Für den Arbeitgeber bedeutet es aber grundsätzlich keine Mehrbelastung, höchstens Mehraufwand bei der Lohnabrechnung.
      Alles Gute in dieser angespannten Zeit für euch
      Michael

  5. Super Artikel, endlich ist online eine Quelle zu finden in der sehr detailiert geschildert wird, welche Fallstricke sich ergeben können. Danke dafür!

    Ich habe würde Sie um eine kurze Einschätzung bitten. Ich bin seit Jahren als digitaler Nomade unterwegs, habe mich bereits vor 5 Jahren aus Deutschland abgemeldet. War allerdings nie länger als 6 Monate in einem anderen Land ansässig, da ich überwiegend mit meinem Camper in ganz Europa unterwegs war. Ich habe einen festen Wohnsitz in Malta und dort auch eine Firma, ich halte mich pro Jahr ca 2-3 Monate dort auf, meistens in den Wintermonaten. Ansonsten bin ich überwiegend in Fraknreich, Spanien, Portugal und Italien unterwegs. Ich halte mich in keinem dieser Länder länger als 3 Monate auf.

    Ich bin nun etwas ins Zweifeln gekommen, ob ich auch ganz offiziell pro Jahr 3 Monate in Deutschland verweilen könnte, z.B in einer. jedes Jahr wechselndende AirBNB Wohnung. Da man ja nur einen Lebensmittelpunkt haben kann und ich auf Malta durch Eigentum und Firma zwei Argumente auf meiner Seite hätte.

    Wie schätzen Sie die Lage für digitale Nomaden ein, die sich in 4 Ländern zu jeweils 3 Montaten aufhalten und wie bei mir in einem dieser Länder ( z.B Malta) eine legale Steuerresidenz + Wohneigentum vorweisen können.
    Bietet man bspw Deutschland dennoch eine Angriffsfläche wenn man sich offiziell bis zu 3 Monate am Stück dort aufhalten würde?

    Und wie wäre eine Halb Halb Lösung, 183 Tage im Jahr fest auf Malta leben, 182 Tage im Jahr in Deutschland in einer wechselnden Airbnb Wohnung? Wäre das evtl wesentlich sicherer. Laut Ihrem Artikel kann es ja nur einen Lebensmittelpunkt geben, den die anderen EU Partnerländer akzeptieren müssen.

    Danke Ihnen vielmals im Vorraus, ich werde Sie auch meinen Freunden weiterempfehlen, da ich viele Gleichgesinnte kenne, die in der selben Situation stecken wie ich… Prima, dass Sie hier einen Beitrag dazuleisten durch Ihre detailierten Inforamtionen etwas mehr Rechtssicherheit zu geben.

    Liebe Grüße
    Raphael

    1. Hallo Raphael,
      bei bis zu 3 Monaten in Deutschland dürfte die Angriffsfläche nicht so groß sein. Ich empfehle grundsätzlich immer, im Zielland (hier Malta) ein entsprechendes Gegengewicht zu Deutschland aufzubauen. Vor allem wenn man viel Zeit in Deutschland ist (z.B. 4,5 Monate) sollte man mehr Zeit in einem Ausland (hier Malta dann >5 Monate) sein. Mehr zum Lebensmittelpunkt hier: https://www.easydigitax.de/lebensmittelpunkt/

      Halb/halb fände ich aus deutscher Sicht kritischer.

      Ich hoffe, das hilft weiter.
      Beste Grüße, Michael

  6. Zunächst einmal vielen Dank für Ihren wunderbaren Artikel. Ich habe eine kurze Frage an Sie. Ich bin ein türkischer Student, der im Februar 2020 für 8 Monate nach Deutschland gekommen ist. Ich werde hier im Rahmen des Erasmus-Austauschprogramms studieren. Ich habe in dieser Zeit nicht in Deutschland gearbeitet. Ich habe jedoch einen Gewinn durch Forex durch eine Britische Maklerfirma gemacht. Ich habe das von Forex verdiente Geld auf mein Bankkonto in Deutschland abgebucht und fahre mit dem Abheben fort. Ich werde im Oktober in die Türkei zurückkehren. Ich werde insgesamt 8 Monate in Deutschland geblieben sein. Bedeutet das, dass ich steuerpflichtig bin? Soll ich in Deutschland eine Steuererklärung einreichen? Danke.

    1. Hello, ja das dürfte eine Steuerpflicht auslösen, außer, es greift die Ausnahmeregelung nach § 9 S.3 AO: „Satz 2 gilt nicht, wenn der Aufenthalt ausschließlich zu Besuchs-, Erholungs-, Kur- oder ähnlichen privaten Zwecken genommen wird und nicht länger als ein Jahr dauert.“

      1. Vielen Dank aber möchte sicher sein. Ich bin 8 Monate nur zu Bildungszwecken in Deutschland. Ich habe noch nie in Deutschland gearbeitet. auch in deutschland habe ich nie geld verdient. Die Geldquelle ist England. und ich habe das Geld im Ausland verdient. Sind Sie sich noch sicher, dass ich in Deutschland Steuern zahlen muss?

        1. Müsste man sich im Zweifel im Detail ansehen. Aber wenn unbeschränkte Steuerpflicht vorliegt, greift das Welteinkommensprinzip und dann ist die Einkommensquelle erstmal nachrangig.

  7. Hallo,
    Vielen Dank für Ihren sehr hilfreichen Artikel. Ich wäre Ihnen dankbar für Ihren Rat, ob ich unter AO
    § 9 zu Besuchs-, … oder ähnlichen privaten Zwecken in Deutschland bleiben könnte, ohne in Deutschland steuerpflichtig zu werden. Hier ist meine Situation. Meine Freundin ist Deutsche und ich bin Brite. Sie hat einen festen Job in Deutschland und ich habe einen teilzeitige Fernjob bei einer griechischen Firma.
    Normalerweise besucht einer von uns den anderen ungefähr eine Woche pro Monat. Aufgrund des Coronavirus hat sich dieses Muster in diesem Jahr geändert. Ich war im Februar 19 Tage in Deutschland und dann konnten wir uns aufgrund von Reisebeschränkungen 4 Monate lang nicht treffen. Ich bin Mitte Juni nach Deutschland zurückgekehrt und wir hatten vor, den Sommer hier zusammen zu verbringen, um die lange Pause Anfang dieses Jahres nachzuholen. Ich hatte vor, im September und Oktober nach Großbritannien zurückzukehren, aber jetzt ist meine Freundin besorgt, dass ich, wenn ich das täte, möglicherweise bis Frühjahr nächsten Jahres nicht mehr zurückkehren kann. Sie hat ein Gesundheitsproblem und hat große Angst, den ganzen Herbst und Winter allein zu bleiben. Wenn ich bis März bei ihr bleiben würde, würde ich weiterhin für das griechische Unternehmen fernarbeiten, aber keine Geschäftsbeziehungen in Deutschland unterhalten.
    Ich freue mich darauf, von Ihnen zu hören.
    Mit freundlichen Grüßen,
    George

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